Interview

"Biotech hat die Pharmabranche als Innovationslabor für die Medikamentenentwicklung abgelöst"

Interview mit Dr. Daniel Koller, Head Investment Team BB Biotech AG.

BB Biotech hat im ersten Halbjahr 2017 einen Nettogewinn von 487 Mio CHF eingefahren. Sind Sie nach dem Vorjahresverlust mit dem Zahlenwerk zufrieden?

Wir sind wieder auf einem soliden Pfad, auch wenn Währungsschwankungen in Form einer signifikanten Abwertung des US-Dollars unseren Gewinn im zweiten Quartal um mehr als die Hälfte reduziert haben.

Was waren die Gewinntreiber?

Unsere Beteiligungen haben dazu in der Breite beigetragen. Die großen Positionen haben das Portfolio stabilisiert, während die Musik hinsichtlich der Kursperformance bei MidCaps wie Esperion, Kite Pharma und Alnylam spielte. Den größten Profit auf Unternehmensebene hat unsere größte Beteiligung Incyte mit einem Gewinnzuwachs von mehr als 25 Prozent im ersten Halbjahr geliefert.

Wie beurteilen Sie die Ergebnisse der Biotech-Schwergewichte, die im Portfolio von BB Biotech vertreten sind?

Die Resultate sind in der Summe sehr solide ausgefallen. Es gibt bis anhin keinerlei Warnsignale für die Geschäftsentwicklung im weiteren Jahresverlauf dahingehend, dass Medikamentenpreise unter Druck geraten könnten. Das ist eine sehr wichtige Erkenntnis angesichts der weiterhin grassierenden Unsicherheit über den künftigen Kurs der US-Gesundheitspolitik unter Donald Trump.

Einzelne Ihrer Beteiligungen warfen zuletzt Fragezeichen hinsichtlich der künftigen Strategie auf.

Gilead stand am meisten unter Druck, weil der Markt mit Argusaugen weiter die Verkaufszahlen für deren Hepatitis-C-Arzneien verfolgt, insbesondere nach den schwachen Wachstumsraten im ersten Quartal. Bei Alexion konnte das komplett neu aufgestellte Managementteam bei seiner ersten gemeinsamen Telefonkonferenz mit Analysten überzeugen. Vertex hat das Zeug, nach den exzellenten klinischen Daten für sein Dreifach-Kombipräparat den Markt für Mukiviszidose-Arzneien von 15 auf mehr als 90 Prozent aller behandelbarer Patienten zu erweitern.

Aktuell bilden in der Krebsmedizin forschende Firmen mehr als 40% des Portfolios. Hat diese hohe Gewichtung dauerhaft Bestand oder werden sich andere Krankheitsfelder mit zunehmender Marktreife von Produkten stärker in den Vordergrund schieben?

Die Onkologie wird unter allen Indikationen hoch gewichtet bleiben. Wir halten aber auch weiterhin verstärkt Ausschau nach Firmen, die in Orphan Diseases und in Nervenerkrankungen an spannenden neuen Therapieansätzen arbeiten. Dasselbe gilt für die metabolischen Erkrankungen.

Eine aus Anlegersicht entscheidende Frage ist, welches Geschäftsmodell den meisten Wert schafft. Sind es Firmen, die mit bereits zugelassenen Heilmitteln jährliche Milliardenumsätze generieren, oder eher Unternehmen, die mit eigenen Technologieplattformen ständig neue Produktkandidaten für die klinische Pipeline generieren können?

Bei uns sind beide Modelle im Portfolio ausgewogen vertreten. Ionis Pharma oder Alnylam generieren mit ihren Plattformen Produkte. Grundsätzlich lässt sich mit Firmen, die Produkte lancieren, kurzfristig die bessere Portfolioperformance erzielen, wie die Beispiele Actelion und hoffentlich bald Incyte zeigen. Unsere Kernposition Vertex ist ebenfalls auf dem Sprung zu einer dominierenden Position in einem Krankheitsfeld, der Zystischen Fibrose.

Sind Produktfirmen auch die besseren Übernahmekandidaten?

Ganz bestimmt, denn diese Firmen brauchen immer eine komplette Infrastruktur für die Markteinführung ihrer Produkte. Zuletzt gab es keine größeren Akquisitionen mehr, aber das kann sich mit der Zulassung von neuen Therapien wie etwa der zellbasierten Immunonkologie schnell ändern.

Unternehmensnachrichten treiben die Kurse. Welche Termine haben Sie bei Ihren Portfoliofirmen für den Rest des Jahres dick im Kalender angestrichen?

Sage Therapeutics wird in den nächsten Wochen zulassungsrelevante klinische Daten für den am weitesten fortgeschrittenen Wirkstoff zur Behandlung von epileptischen Anfällen veröffentlichen. Bei Celgene sind wir gespannt darauf, wie die nächsten Studienergebnisse mit Revlimid gegen Lymphoma ausfallen. Agios wiederum sollte bis zum vierten Quartal weitere Daten für AG-120 gegen eine Akute Myeloische Leukämie erhalten (AG221 wurde gerade zugelassen, da ist uns die FDA zuvor gekommen). Auch Kite dürfte im vierten Quartal mit der erwarteten Zulassung des ersten Krebsmedikaments auf der Basis von modifizierten körpereigenen T-Zellen weiter Kurse bewegen. Novo Nordisk erwartet zum Jahresende die Zulassung für die neue Diabetesarznei Semaglutid, die einmal wöchentlich subkutan verabreicht wird, 2018 stehen dann Daten für eine Formulierung in Tablettenform an.

Wir haben bislang von klinischen Ergebnissen gesprochen. Welche gerade zugelassenen Produkte könnten im Hinblick auf Verkäufe positiv überraschen?

Ich denke hier an Zejula von Tesaro zur Behandlung von Eierstockkrebs, oder an Ingrezza von Neurocrine gegen Spätdyskinesie, also Bewegungsstörungen, die als Folgeerscheinungen aufgrund der Einnahme von Psychopharmaka auftreten können. Die Verkaufszahlen und Umsätze mit diesen Produkten sind nicht nur für die Firmen entscheidend, sondern haben auch eine große Signalwirkung auf die Investoren. Sie untermauern, dass MidCaps unter den Biotechs mit zunehmender Zahl an marktreifen Produkten ein immer besseres Risiko-Rendite-Profil bieten.

Was müssen Biotechs mitbringen, um für Sie interessant zu werden?

Firmen müssen in unsere eingangs beschriebenen Themenfelder passen und sich in einem bestimmten Entwicklungsstadium hinsichtlich der Wirksamkeitsstudien befinden. Nur dann können wir erste Erkenntnisse gewinnen, ob wir langfristig den erwarteten Return on Investment bekommen.

Life Science-Investments erfordern einen besonders langen Atem. Was muss passieren, dass bei einzelnen Firmen bei Ihnen der Geduldsfaden reisst?

Wir ziehen die Reissleine wenn die Anlagehypothese durch enttäuschende klinische Daten über den Haufen geworfen wurden. Das war bei Cempra mit einem Antibiotikaprodukt der Fall, wo zeit- und kostspielige Sicherheitsstudien zur Auflage gemacht wurden. Es gibt aber auch Fälle wie bei Intra-Cellular Therapies, wo wir enttäuschende Daten gegenüber einer zuvor positiven Entwicklung abwägen und erst einmal dabei bleiben.

Mit Ausnahme der langjährigen Kernbeteiligung Actelion spielen europäische Aktien im Portfolio nur eine untergeordnete Rolle. Warum?

Wir haben aufgrund des fokussierten Portfolios durchaus mögliche Chancen verpasst, um zum richtigen Zeitpunkt Positionen aufzubauen. Wir sehen uns einzelne Firmen aber weiter genau an. Was im Übrigen auch für einzelne Branchenschwergewichte gilt. Bei Biogen beobachten wir die Verkaufszahlen für das neu zugelassene Medikament Spinraza gegen eine seltene Erkrankung auch aus dem Blickwinkel unserer Ionis Position als auch die weitere klinische Entwicklung des Alzheimer-Wirkstoffs Adecanumab.

Hat Biotech die Pharmabranche als Innovationslabor für die Medikamentenentwicklung abgelöst?

Im Prinzip schon, wobei diese Entwicklung durch die Übernahmen von Biotechs durch Pharmakonzerne verzerrt ist. Nehmen wir die zellbasierten CAR-T-Therapien in der Immunonkologie. Dort spielt nur Novartis als Pharmakonzern/vertreter bei den marktreifen Produkten ganz vorne mit. Ansonsten setzen hier kleinere Biotechs wie Kite, Juno oder Bluebird Biotech die Akzente. Ungeachtet der anhaltenden Diskussionen um die Deckelung von Medikamentenpreisen haben Firmen, die in bislang nicht oder unzureichend behandelbaren Nischenindikationen unterwegs sind, eine grössere Preissetzungsmacht.

Trotzdem wird bei neuen Produkten die richtige Preisbildung mehr denn je erfolgsentscheidend sein.

Die Branche hat sich in den letzten zwölf bis 18 Monaten bei der Preisbildung in der Tat vorsichtiger verhalten. Nehmen wir Radius Health aus unserem Portfolio. Die Gesellschaft hat für ihr zugelassenes Osteoporose-Präparat den halben Listenpreis zum marktbeherrschenden Medikament Forteo von Eli Lilly angesetzt. Radius setzt statt hoher Preise auf Volumina, um der Masse der Patienten Zugang zu neuen Behandlungsmöglichkeiten zu verschaffen.

Welche Rolle wird die neue Führung der US-Zulassungsbehörde FDA für die Medikamentenentwicklung spielen?

Die Ernennung von Scott Gottlieb zum neuen FDA Commissioner ist eine gute Entscheidung für die Branche, weil Gottlieb als früheres FDA-Mitglied die Institution und ihre Entscheidungsprozesse bereits gut kennt. Klarheit muss vor allem darüber herrschen, wie die Erforschung, Entwicklung und Verfügbarkeit neuer Therapien beschleunigt wird, wie es etwa fixiert ist im „21st Century Cures Act“, der im Dezember noch von Präsident Obama unterzeichnet wurde. Nur so lässt sich dem Trend gegensteuern, dass sich die durchschnittlichen Entwicklungskosten jedes Jahr weiter erhöhen - was die Branche über die Preise zu kompensieren versucht.

Die US-Gesundheitspolitik unter Donald Trump gibt weiter kein klares Bild ab. Ist diese Unsicherheit ein Grund, um sich vorerst mit dem Engagement in Gesundheitsaktien zurückzuhalten?

Das ist der mit Abstand grösste Unsicherheitsfaktor. Wir haben immer die Annahme getroffen, dass sich das US-Gesundheitssystem reformieren und umgestalten wird. Die Versicherung und Bezahlbarkeit von medizinischer Behandlung bleiben auf der politischen Agenda. Allerdings bin ich der Meinung, dass politische Statements nur eine kurzfristige Aussagekraft haben. Entscheidend für den Marktwert von Unternehmen und die Entwicklung der Biotechbranche als Ganzes bleibt, ob neue Therapien erfolgreich sind oder eben nicht. Je dichter der positive Nachrichtenfluss, desto weniger können politische Aussagen zur Branche die Kursentwicklung überschatten.

Was spricht überhaupt dafür, in diesem Umfeld Positionen in Biotechaktien aufzubauen?

Die Aufwärtsbewegung war bislang sehr selektiv. Wir haben zwar nicht mehr die historisch tiefe Branchenbewertung wie vor einem Jahr, aber das Momentum und der zu erwartende Nachrichtenfluss sprechen dafür jetzt einzusteigen. Für uns bedeutet das: wir kaufen weiter zu und halten dann an diesen Positionen fest bis das Maximum an Wertsteigerung erreicht ist.